LESEPROBE

Sonntag, 04.07.: Nach einiger Zeit kam ich in ein kleines Dörfchen, das mich gleich mit einer charmanten Kuriosität begrüßte: Mitten an der Straße stand eine antike Wagenwaage. Sie war angeschaltet und einsatzbereit, so als hätte sie auf mich gewartet. Na ja, wenn sie schon so freundlich guckte, konnte ich sie nicht

ignorieren. Also stieg ich mit einer gewissen dramatischen Erhabenheit auf die Plattform und siehe da, sie funktionierte tatsächlich! Die Anzeige sprang auf 100 kg. Mir wurde ganz schwindelig, nicht vor Scham, sondern vor Kopfrechnen: Wenn mein Rucksack 20 bis 23 kg wog (je nach Tagesform, Wasserflaschenstand und ob ich eine Banane dabei habe), dann … tja. Der Rest bin dann wohl ich! Die Pilgerin in voller, ungeschönter Pracht! Das Leben ist eben kein Photoshop und ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich mal wieder.

Neben an der Waage entdeckte ich ein kleines, umzäuntes Gehege. Darin lag eine Mutterkuh mit ihrem Kalb, das etwa 1 bis 2 Monate alt war. Es versuchte, immer wieder aufzustehen, doch es schaffte es nicht. Seine kleinen Beine gaben unter ihm nach, als könnten sie das eigene Gewicht nicht tragen. Seine Fesseln bogen sich durch, so dass es nicht auf seinen vier Hufen stehen konnte, diese knickten

nach hinten weg. Jeder gescheiterte Versuch aufrecht zu stehen, war ein stummer Schrei, der mir durch Mark und Bein ging. Es war schmerzhaft anzusehen. Dieses Kalb rief nicht, es klagte nicht, aber in jedem Straucheln lag ein Schmerz in seinen Augen, der lauter war, als jedes Muhen. Die Mutterkuh lag da, sah einfach nur zu und kaute vor sich hin, als wüsste sie längst, dass es nichts gab, was sie tun konnte.

Hier das Video zum Hörbuch
Hier lese ich euch von meinem Buch vor.